2015 – Alix und Luis

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Laudatio von Micki Pause

Es geht also um Alix von Melle und Luis Stitzinger und die Begründung, warum die beiden eine perfekte Wahl für die Auszeichnung zum Berggeist des Jahres darstellen. Sie den Berg-Geist geradezu verkörpern.
Ich bitte um Verständnis, wenn ich in meinem „Plädoyer“ etwas aushole und mich dem Thema auf einem – für mich – naheliegenden Umweg nähere. Ich sehe halt viele Dinge durch die Brille des BB-Machers.
Als solcher weiß ich, wie wichtig für einen Film – neben „message“, Story <Erzählweise und -struktur>, „location“ <Orte der Handlung> und Bildern – … – wie wichtig „gute“ Protagonisten sind – aber was bedeutet dabei „gut“? Welche Anforderungen muss ein „guter“ Darsteller bei BB erfüllen? Was zählt da? Die Zahl der Achttausender? Das Beherrschen des 11. Schwierigkeitsgrads? Die Summe der Touren und Höhenmeter pro Saison?
Unter den Berggeistern des Jahres haben wir – um die Frage nach „guten“ Protagonisten mit zwei Beispielen zu beantworten – mit Hermann Magerer und Hans Engl zwei Persönlichkeiten, die über Jahre Dauerdarsteller bei BB waren – der eine hat’s schließlich erfunden! – und die beide dem „Anforderungsprofil“ zu 100 Prozent entsprechen: Sie müssen sich „zur alpinen Tat bekennen“, sie müssen die Freude am Bergsteigen erkennen lassen – denn diese Freude an die Zuschauer zu vermitteln, das ist die zentrale „message“ von Bergauf-Bergab – und daher müssen sie glaubwürdig sein! Sie müssen vertrauenswürdig sein. Glaubwürdigkeit – oder „Authentizität“ – genau dieser Wert ist essentiell für das Bild des Bergsteigens in der Öffentlichkeit und in einer Welt der falschen Bilder, der manipulierten und inszenierten Scheinwirklichkeit. Die Darsteller von Bergauf-Bergab sollten Ausstrahlung besitzen – vielleicht sogar Charisma -, und sie sollten nicht jedem Trend hinterherrennen, aber neuen Ideen gegenüber offen sein. Sie müssen bergsteigerisch überzeugen, was bedeutet, dass wie die Leistung im gleichen Maß die Art und Weise zählt, wie sie diese Leistungen angehen – die Bergsteigerethik! Sie müssen Kameradschaft leben. Respekt!
Ende der kleinen Vorrede – jetzt geht es um Alix und Luis:
Luis bin ich zum ersten Mal bewusst beim Summit Club begegnet – und da war er für mich natürlich – ich kenne das bestens – der Sohn vom Vater, also vom Stitzinger Burschi. Allein diese Tatsache war schon die Garantie, dass man da einen jungen Menschen vor sich hatte, der eine hervorragende und gründliche bergsteigerische Ausbildung und eine herzensgute Erziehung genossen hat. Bei beiden Aspekten will ich auch die Mutter von Luis ausdrücklich einbeziehen. Es war also klar: Wenn der Kerl einigermaßen gescheit ist, dann weiß er, was die Berge ihm geben können. Ein Leben lang! Und noch etwas: Taufpate von Luis war niemand anders als Anderl Heckmair! Der den Taufakt, den Luis im Schlaf über sich ergehen hat lassen, mit den Worten kommentierte: „Als Luis aufgewacht ist, war er katholisch!“
Alix bin ich erst viel später begegnet als dem Luis, weil ich ihren verdammt weiten Weg von der Alster in die Alpen natürlich überhaupt nicht mitbekommen habe. Da die beiden freundlicherweise im vergangenen Frühjahr ein Buch veröffentlicht haben, konnte ich nachlesen, dass Alix in ihrer behüteten Jugend über die Skibegeisterung ihrer Eltern den ersten Kontakt mit den Bergen hatte, dann aber eigentlich erst nach dem Abitur wieder in die Berge gefunden hat. Gott sei Dank! Denn nach dem Abitur, so schreibt sie in ihrem Text, „bildete ich mir ein, Medizin sei vielleicht das richtige Studium. Ich wollte Karriere machen, eine erfolgreiche Ärztin werden, einen gut aussehenden Chefarzt heiraten … So war die Idee, aber natürlich kam alles ganz anders“ (Zitatende). Und das war gut so! Sie hat mit der ihr eigenen Gründlichkeit den Vorsprung, den jeder von uns, der in den Bergen oder nahe den Bergen aufwachsen durfte, einmal hat … – sie hat den Vorsprung schnell verkleinert, ja: wohl aufgeholt. Anstatt einer Ärztin wurde aus ihr eine Diplomgeografin, mit „geologischen Geländepraktika auf dem Zugspitzplatt und in der Brentagruppe“.
Während des Studiums hat Alix dann also richtig angebissen: Skitourendurchquerungen im Rahmen des Bergsportangebots des Hochschulsports, ein Kletterkurs, selbständige Unternehmungen in Fels und Eis in Frauenseilschaften. Irgendwann folgte ganz logisch auch die Ausbildung zur Fachübungsleiterin Skihochtouren. Den Traum von der Bergführerausbildung hat sie zwar geträumt, ihn dann aber doch wieder verworfen. Da wusste sie aber noch gar nicht, dass sie bald einen an der Seite haben würde. Und wie!
Apropos: 1997 begegnete Luis der Alix zum ersten Mal, zunächst nur dem Namen auf einer Teilnehmerliste für eine Skidurchquerung Bernina-Bergell – Alix von Melle, auweh, das könnte ja sogar eine Holländerin sein, hat er sich damals gedacht. Aber es kam ganz anders, wie man im Buch nachlesen kann: „Entgegen meinen anfänglichen Bedenken hatte sie sich als gute Skifahrerin erwiesen und alle Hürden auf der Tour mit links gemeistert. Sie war nicht nur die fitteste, sondern auch die technisch beste Teilnehmerin der Gruppe gewesen, noch vor allen Männern. Das hatte mir imponiert. Darüber hinaus war sie eine sehr hübsche, charmante, bodenständige junge Frau, ohne jegliche Einbildung und Arroganz. Im Gegenteil, wenn man ihr ein Kompliment machte oder sie lobte, reagierte sie eher schüchtern und überrascht, als ob sie damit als Allerletztes gerechnet hätte.“ (Zitatende)
Naja, gespürt haben die beiden schon damals etwas, aber es hat dann doch ein bisserl gedauert und schließlich ist diese schüchterne junge Frau die Sache etwas beherzter und zielorientierter angegangen – und dann hat’s gefunkt. 13 Jahre lang waren sie am Berg als Seilschaft unterwegs und auch sonst, und dann haben sie sich an einem Freitag, den 13. auch noch richtig verbandelt. Alix mag’s einfach gründlich!
Als sich diese Seilschaft gefunden hatte, ging eine wahre alpine Bilderbuch-Bergsteiger-Karriere los. Und wieder vollzog sich alles irgendwie in aufbauender Weise, so wie es bei der Bergsteigerei am sinnvollsten ist, aber trotzdem ging es Schlag auf Schlag – auf der Basis von vielen Tourenerfahrungen in den Alpen: Aconcagua-Südwand, Mustagh Ata, Khan Tegri, Ama Dablam, Pik Lenin undundund, … 2006 mit dem Gasherbrum II dann der erste Achttausender … Trotzdem hat es dann noch zwei Jahre gedauert, bis wir in Bergauf-Bergab zum ersten Mal im Jahresrückblick über die beiden berichtet haben – die Bescheidenheit zeichnet eben beide aus! Die aktuelle Statistik kann jeder im Internet prüfen: Sechs Achttausender sind’s, und drei gescheiterte Versuche.
Sechs Jahre nach der Premiere in Bergauf-Bergab, also vor einem Jahr, erreichte mich die Nachricht, dass Alix von Melle und Luis Stitzinger zum Mount Everest fahren würden. Eine entsprechende Mitteilung erhalte ich seit Jahren von vielen Leuten, natürlich mit der Empfehlung, ausführlich darüber zu berichten. Durchaus mache ich mir dann die Mühe, mir Informationen über diese Leute zu besorgen – und damit ist dann mein Interesse an einer Bericht-erstattung in der Regel auch schon wieder beendet. Der Mount Everest bzw. der kommerzielle Zirkus, auf den sich fast alle Aspiranten da einlassen oder der sie sogar reizt … dieser Aspekt passt einfach nicht zu Bergauf-Bergab.
Aber: wenn Luis und Alix sich den Everest vornehmen, dann ist mit einem Schlag alles im Gleichgewicht, in der Balance, die für das Bergsteigen so wichtig ist. Wenn Alix und Luis auf den Mount Everest steigen, berichten wir eindeutig übers Bergsteigen und nicht über eine Show, nicht über die nervtötende Inszenierung eines Selbsterfahrungs- und Selbstdarstellungstrips, nicht über eine Werbeveranstaltung von Sponsoren, sondern über die für jeden ehrgeizigen Alpinisten nachvollziehbare Verwirklichung eines  Bergsteigertraums!
Ich konnte mit unserem Vorhaben dann die entscheidenden Leute in den Führungsetagen des BR überzeugen, so dass auch der entsprechende Zuschuss bewilligt wurde, und wir haben dann die notwendigen personellen und technischen Vorbereitungen getroffen. Alles hat gepasst für eine authentische und spannende Berichterstattung in Radio, Fernsehen und Online – fast „live“ hätte das funktioniert – das Warmlaufen war absolviert, bis dann am 25. April in Nepal und am Mount Everest die Erde bebte.
Alix und Luis entschieden sich nach einer kurzen Phase des Überlegens für den Abbruch ihrer Expedition – und auch diese Entscheidung spricht für die beiden. Sie verdeutlich beispielhaft, dass sie nicht mit Scheuklappen auf die Berge steigen, sondern dass sie genau über jenen erweiterten Horizont verfügen, den jeder, der in die Höhe steigt, erlebt, den aber nicht jeder für seine Lebensperspektive umsetzen kann (es waren im Frühjahr auch Bergsteiger im Basislager, die keinerlei Grund für einen Abbruch erkennen wollten). Angesichts des Leids in Nepal trafen Alix und Luis im Everest-Basislager eine Entscheidung, die nicht in Zweifel zu ziehen war. Sie kam aus dem Herzen.
Die ganze Laudatio hätte ich auch anders aufziehen und an den Anfang die Frage stellen können: Welche Anforderungen muss ein Berggeist des Jahres erfüllen? Meine Rede wäre dieselbe gewesen.
Also: Wir haben wieder eine gute Wahl getroffen, mit Alix von Melle und Luis Stitzinger! Herzliche Gratulation!