2009 – Dr. Karl Gabl


Dr. Karl Gabl

Meteorologe, Leiter der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Innspruck, Staatlicher Berg- und Skiführer, Landesskilehrer, Zertifizierter Sachverständiger für Meteorologie, langjähriger Präsident des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit und Leiter zahlreicher Trekking und Expeditionen.

Laudatio von Ralf Dujmovit

Liebe Berggeisterinnen und Berggeister,

„Was sich beim Höhenbergsteigen am stärksten verändert hat in den letzten 15 – 20 Jahren?“ werd’ ich manchmal gefragt. Gefragt zumeist in der Erwartung, irgendwelche Quantensprünge bei der Ausrüstung zu hören. „Nein“ sag’ ich dann immer (der Kulle oder andere Technik-Häuptlinge hier im Raum möchten mir das bitte verzeihen), „Die größte Veränderung für uns hat sich beim Wetter ergeben.“ Nicht besser oder schlechter ist es geworden, wahrscheinlich insgesamt etwas wärmer; nur dürfen wir inzwischen sehr viel eher im Voraus wissen – und das vor allem mit immer größerer Präzision – was da auf uns runterhageln oder runterschneien wird.
Einer, der zur immensen Weiterentwicklung bei der Einschätzung des Bergwetters maßgeblich beitragen hat, und in den letzten 10 Jahren weltweit als der Bergwetter-Experte größte Anerkennung gefunden hat, ist Dr. Karl Gabl.

Bitte verzeiht es mir alle, ich darf den Karl seit meiner Bergführer-Ausbildung vor über 20 Jahren mit „Charly“ ansprechen und möchte dies auch im Folgenden beibehalten.

Lieber Charly,
am 3. Februar im letzten Winter hast Du an Simone Moro, der sich zufällig gerade mit seinem Partner Denis Urubko im Makalu-Basislager befand, folgendes geschrieben:
„Ciao Simone, the next days no snowfall at Makalu.“
Du hast weiter geschrieben: „Wind: Still stormy conditions on the mountain. On the 4th, 5th and 6th of February in 8000 m 110 km/h, in 7000 m 100 km/h. Am 7. Februar in 8000 m 110 bis 100 km/h, in 7000 m 75 km/h.“ Und jetzt kommts: „The 8th and 9th wind should be lower.“
Also: Am 8. und 9. Februar sollte der Wind zurückgehen; in 7000 m um 45 und in 8000m 60 bis 65 km/h. „Take Care, Good luck, Karl.“
Simone schrieb kurze Zeit später zurück: „Wow!!! Now you make me thinking … maybe is better we wait the 8th and 9th for summit push?”
Am 6. Februar hast Du den beiden Wartenden die Prognose nochmals bestätigt, am 9. Februar standen Denis und Simone am höchsten Punkt des Makalu. Ohne Deine präzise Wettervorhersage wäre das nie möglich gewesen.
Ihr müsst Euch vorstellen, seit 30 Jahren versuchen Menschen den Makalu im Winter zu besteigen. Von Casarotto bis Nives Meroi und viele andere mehr.
Und dann sitzt Du, lieber Charly, vor Deinen Bildschirmen und findest im Februar 2009 den einen Tag heraus, an dem es möglich sein könnte. Wie muss es Dir dabei gegangen sein? Und wie muss es Dir erst ergangen sein, als Simone und Denis auf dem Weg zum Gipfel waren? Zu wissen, dass am nächsten Tag das Wetterfenster – und wir reden von Windchill – 70 Grad Celsius – wieder zu ist. Ich möchte nicht in Deiner Haut gesteckt haben.
Am 26. Juli im letzten Sommer hast Du ins K2-Basislager geschrieben: „Lieber Ralf, wie bin ich froh, dass das Wetter passt.“ (Ich darf dazu anmerken, dass meine Frau, die Gerlinde mit unserem Freund dem David Göttler gerade im Aufstieg in Richtung K2 Gipfel war). Weiter schreibst Du, lieber Charly: „Vergangene Nacht war ich nervös, weil die Radiosonde in Tibet (Hotan) noch relativ starken Wind (20 Knoten) meldete. Nun heißt es für mich fest die Daumen halten.Und da kommen wir nun zu dem Punkt, wo es anfängt wirklich spannend zu werden. Ca. 1200 Wetterballone gibt es weltweit, 40.000 Messstationen, nicht zu vergessen die Satelliten, die Bojen im Meer, zusammengefasst in einem ungeheuren Datennetz, abrufbar theoretisch von jedem Rechner der Welt. „Ich weiß nichts, was andere im Prinzip nicht auch wissen können“, sagt der Charly – bescheiden wie er ist. Aber was ist es dann, was die Vorhersagen von Charly so unvergleichlich machen? So präzise und für uns am Berg von solch enormer Bedeutung, dass wir ihn in den letzten Jahren immer öfter als unser wichtigstes Team-Mitglied bezeichnen? Was hat den Charly zu dem gemacht, was er heute ist und was er an so viele weitergeben kann?
Im Jahr nach dem Kriegsende auf die Welt zu kommen (21.12.46) war nicht der leichteste Ausgangspunkt. Sein Elternhaus steht in Sankt Anton am Arlberg, in Nasserein, einem Ortsteil von Anton, dort, wo im Jahr 2000 die Bahn auf den Gampen gebaut wurde. Die Eltern hatten einen Malerei-Betrieb, sein Vater erwartete von ihm, dass er etwas G’scheites lernen sollte, wollte ihm lieber Bildung als Baugrund mitgeben. Und schickte ihn nach Feldkirch ins Jesuiten-Gymnasium „Stella Malutina“ – eine der damals renommiertesten Schulen. 15, 16-jährig begann der Charly mit dem Bergsteigen und trat dem Alpenverein bei. Viel hat er mit seinem Cousin dem Harald Rofner gemacht, einem späteren Skirennläufer. „Selbstverständlich war er ein Draufgänger, er war oft der Anführer oder derjenige, der wilde Sachen ausgeheckt hat,“ hat mir eine gute Freundin von Charly, die sie bis in heutige Tage ist, anvertraut. „Er war a bisserl ein Chef bei ihm in Nasserein, hat eher’s Radl g’führt“ (also auf gut Deutsch „war eher der Rädels-führer).
1965 hat er sich zu einer Begehung des Patteriol-Ostgrats aufgemacht. Sie hatten damals einfach nicht die finanziellen Mittel, sich ein Kletterseil zu kaufen und so haben sie zu Hause bei der Mama die Wäscheleine mitgenommen.
Am gleichen Berg dann eine sehr denkwürdige Geschichte 1970/1971: Mit 25 Jahren die erste Winterbesteigung des Patteriols über den Nordostgrat mit Helmut Rott – übrigens auch ein Meteorologe (übrigens erstbegangen 1901 durch Meteorologen Ficker und Miller). Für die weniger Eingeweihten: der NO-Grat des Patteriol gehört zu den großen Klassikern im Verwall und wurde von der Bergrettung St. Anton mit Bohrhaken saniert. Im Führer steht: Sehr schöne und lange Klettertour, 26 SL, 1000 Klettermeter bis max. IV+).
Als zweite Winterbegehung am Patteriol folgte der Südostpfeiler (Führe Strolz-Tschol, Schwierigkeit V). Gedacht hatten sie damals, es an einem Tag zu schaffen, – diese Wintererstbegehung. Mussten dann aber ein Mal biwakieren. Am 2.Tag startete die inzwischen alarmierte Bergwacht bei sehr viel Schnee. Niemand rechnete zu dem Zeitpunkt mehr damit, dass sie noch leben würden.
Um diese Zeit (1970) war er auch mit sechs Kollegen im Hindukusch unterwegs; die Abfahrt vom Noshaq, mit 7492 m der höchste Berg Afghanistan,s war 11 Jahre lang Höhenrekord für Skiabfahrten an den hohen Bergen der Welt und zeugt von seiner Begeisterung fürs Skibergsteigen und für sein hervorragendes skifahrerisches Können. Auch schon unter seinen Vorfahren oder in seiner Verwandtschaft waren viele hervorragende Skifahrer, wie zum Beispiel seine Cousine, die österreichische Skiweltcup-Gesamtsiegerin Gertrud Gabl. Sie starb 1976 leider viel zu früh unter einer Lawine. Mit großer Leidenschaft ist der Charly auch weiterhin unterwegs gewesen:
In den Alpen hat er die Ostwand des Monte Rosa durchstiegen, die Nordwände von Ortler, Königsspitze, Großer Zinne oder im Karwendel den senkrechten Bruchhaufen der Laliderer Nordwand, oder in den Dolomiten beispielsweise auch die 1600 m hohe Agner- Nordkante.
An den Weltbergen war er 1973 bei der Erstbegehung eines Pfeilers am Südsporn des Huascarán mit dabei; er war unterwegs in Ladakh, in Bhutan, am Kilimanjaro, am Popocatepetl in Mexico oder am Ojos del Salado in Chile, zumeist als Trekking- oder Expeditionsleiter, wir beide haben uns 1995 in Tibet am Cho Oyu wieder getroffen, er war am Baruntse und Annapurna IV unterwegs, im Jahr 2000 auf dem Alpamayo und vor wenigen Jahren hat er am Shisha Pangma noch das letzte Lager erreicht. Wo er leider von Magenproblemen letztlich eingebremst wurde. Trotzdem standen drei Mann seiner Mannschaft am höchsten Punkt. Gratulation.
Für das Wetter und die Meteorologie hatte sich der Charly schon immer interessiert. Den Zugang hat er wohl einem gewissen Miller, auch ein Bergsteiger-Kollege aus Innsbruck (von der Firma Miller-Optik) zu verdanken. Ein Studium zu finanzieren war in den 70er-Jahren sicher nicht ganz einfach und hat für die sechsköpfige Familie, vor allem auch für die Geschwister, manchen Verzicht bedeutet. „Und das kann man sich nicht kaufen und das nicht, weil halt der Karl studiert hat“, meinte seine Schwester.
Für den Vater war das Meteorologie-Studium eher Hirngespinst und er hat nicht wirklich verstanden, dass man so etwas studieren kann. Wenn er gefragt wurde, was der Bub studiert, hat er zumeist geantwortet: „Das Wetter vorhersagen. Aber das kann jeder Bauer auch. Da braucht man nicht zu studieren“. Auf jeden Fall gab der Charly kurz vor seinem 30. Geburtstag (am 13. Dezember 1976) seine Promotion zum Doktor der Meteorologie und Philosophie bekannt. Zwei Jahre später (1978 )wird er zum Leiter der Regionalstelle Tirol und Vorarlberg der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, kurz ZAMG, ernannt. Bis zum heutigen Tag ist er – wie Ihr alle wisst – deren Leiter.
Wieder 10 Jahre später erfinden Charly und Robert Renzler den Alpenvereinswetterbericht, der von Beginn an gemeinsam mit dem DAV betrieben wird. Er hat bis dato die größten Zugriffszahlen auf der Alpenvereins-Homepage. Die Bergführer-Ausbildung über viele Jahre, Vorträge, Schulungen oder Gutachter-Tätigkeit sind andere Aufgabenfelder, die seine Freizeit immer knapper werden lassen. Als Jugendlicher hat er noch Trompete und Fußball gespielt. Heute übt er diese Hobbys nur noch passiv aus. Im Jahr 2000 wird Charly als Nachfolger von Dr. Kurt Schoißwohl als Sachwalter für das Referat Bergsteigen in den Verwaltungsausschuss des ÖAV gewählt. Seit dem Studium ist der Charly – wie auch die meisten wissen – Mitglied im Kuratorium für alpine Sicherheit, er ist seit vielen Jahren dessen Präsident und wurde auch am 3. Februar dieses Jahres für eine weitere 4-jährige Amtszeit wiedergewählt.
Seinen bergsteigerischen Werdegang und einen kleinen Teil seiner beruflichen Entwicklung und seines Engagements für die Sicherheit beim Bergsteigen habt Ihr inzwischen kennengelernt. Aber ob das nun allen hier hinreichend beschreibt, warum jemand zu jeder Tag- und Nachtzeit von mir, der Gerlinde, dem Kammerlander Hans oder den Huberbuam um seine Prognosen gebeten wird, da bin ich mir noch nicht ganz sicher.
Vielleicht hängt sein unermüdliches Naturell im Herausfinden der Zusammenhänge beim Wettergeschehen auch ein Stück weit mit seiner Heimat zusammen. Die ich noch etwas genauer beleuchten möchte: „I wohn zwar in Innsbruck, bin aber in St. Anton zu Haus.“ Sagt der Charly immer mal wieder.
„Sturheit und Eigenwilligkeit bringt einfach der Oberländer mit sich,“ hat mir die vorhin schon erwähnte, jahrzehntelange Freundin aus Sankt Anton gesagt. „Wenn man weiß, wo er herkommt, ist das eine ganz normale Sache. Der Tiroler Oberländer ist einfach stur, eine gewisse Starrheit und Sturheit ist einfach in ihnen drin. Und dass manchmal bei aller Sturheit schon ein wenig der Weitblick fehlt – da sind sie fast schon ein wenig stolz drauf. Weil einfach das Tal so eng ist, dann hat man keinen so guten Weitblick.“ Originalton Gertrud Hörschläger.
Das enge Hochgebirgstal hat immer wieder auch für Schrecken gesorgt: Charlies Mutter konnte sich im März 1988 nur in letzter Sekunde vor der Wolfsgrubenlawine in St. Anton retten. Der Charly hielt sich samt Familie nur 60 Meter von jener Stelle auf, wo einige Menschen ums Leben kamen. Vor der Stube türmte sich der Schnee drei Meter hoch auf, die Fenster barsten. Der Charly half bei der Bergung der Toten „das habe ich bis heute nicht verwunden“ sagte er in einem Gespräch mit Floo Weissmann von der Tiroler Tageszeitung vor 10 Jahren.
Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen liest man in Gesprächen mit Charly immer wieder seine enorme Heimatverbundenheit heraus: Wieder ein Zitat von Charly „Das Tiroler Oberland hat eines der gesündesten Klimata der Welt. Vor allem im Sommer, weil es bei uns kaum schwüle Tage gibt und frische Temperaturen in der Früh. Wir haben im Winter noch viel Schnee und wir haben viel weniger Wind als uns nachgesagt wird.“
Auch wenn er schon in vielen Ecken dieser Welt war, gibt es offensichtlich für ihn keinen schöneren Platz als seine Heimat. Die relative Armut und Bescheidenheit seiner Kindheitstage haben bei Charly wahrscheinlich noch etwas anderes hinterlassen. Fragt man Expeditions-Kollegen, war der Charly immer sehr sparsam und er hat immer gesagt, sie sollen nicht so viel essen. „Peinlich und recht unangenehm war es ihm dann, dass die hungrigen Kollegen, – kaum zurück in der Zivilisation – so reingespachtelt haben.“ Übrigens auch noch ein Original-Zitat eines Expeditions-Kollegen.
So fallen dann auch in aller Regel die Telefonate mit Charly eher sparsam an Worten aus. Konzentriert hört er sich zunächst die Ist-Situation vor Ort an, genauso konzentriert und zielgerichtet gibt er dann die Wetterdaten und seine Prognosen durch. 1999, als ich mit einer kommerziellen Expedition am Broad Peak war, hat er mir damals in knappen Worten einen einzelnen Tag gutes Wetter für den Gipfel vorausgesagt. Alle um uns herum, haben uns den Vogel gezeigt, als wir vom Basislager ins schlechte Wetter hineingestartet sind. Auch am zweiten Tag noch richtig grausiges Wetter – noch mehr Vogelzeigen. Ich hab’ auf Charly vertraut und stand zum Schluss mit fast der gesamten Gruppe am Vor- bzw. Hauptgipfel des Broad Peak. In der gesamten Saison war sonst niemand mehr dort oben. Und es waren damals viele Leute im Basislager.
Charly nimmt von uns Bergsteiger-Kollegen für seine Beratung kein Geld!! Er will diese Verantwortung nicht haben. Letztlich treffen wir die Entscheidung zum Gehen selbst, er selbst liefere nur eine meteorologische Einschätzung – so hat er sich das zurechtgelegt. „Es soll ein Freundschaftsdienst sein, mehr nicht“, sagst Du. Ich denke, die Angst und Sorgen wirst Du trotzdem meistens nicht los. Wenn in Patagonien oder an einem der Achttausender eine Expedition schon aufgebrochen ist und Du aus Deinen Modellen herausliest, dass der Wind im Gipfelbereich wahrscheinlich früher Orkanstärke erreicht als vorhergesagt, muss Dich bisweilen auch ein Gefühl der Ohnmacht packen. Ich bin mir sicher, dass es in solchen Momenten kein Vorteil ist, das Gelände aus eigener Anschauung zu kennen. Viele tausend Kilometer entfernt im Innsbrucker Wetterbüro müssen dann die Dir bekannten Bilder wie eine Woge über Dir zusammenschlagen. „Es setzt mir zu, das muss ich schon sagen!!“, hat der Charly einem Journalisten verraten. Das sind dann die Nächte, um die Dich niemand beneidet und die Dir vielleicht einige Deiner Falten gegraben haben.

Lieber Charly – Deine einzigartige Kombination aus leidenschaftlichem Bergsteiger, Bergführer, Skilehrer, Skitourengeher, Bergwachtmann, Kletterer und Expeditionsbergsteiger, gepaart mit herausragender Fachkompetenz, die in Jahrzehnten gewachsen ist und auch einer gewissen Sturheit nicht entbehrt,damit bist Du die Idealbesetzung Deiner selbst und des Bergmeteorologen für uns alle. Du hast das Bergsteigen der letzten Jahre entscheidend mit verändert. Angefangen beim Normalbergsteiger, der sich den AV-Wetterbericht anschaut, bis hin zu den Extremeren an den Weltbergen. Du hast das Bergsteigen der letzten Jahre und die Entwicklung der Sicherheitsstandards entscheidend mit geprägt, viele Unfälle geholfen zu vermeiden und viele Gipfelbesteigungen erst ermöglicht. Stellvertretend für alle, die Dich um Deinen Rat fragen dürfen, die Deine Expertise und Dein uneigennütziges Engagement in Anspruch nehmen dürfen, möchte ich Dir von Herzen danken.

DANKE, lieber Charly!